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Special: Der Urvogel Archaeopteryx

Es begann mit einer Feder!

"All fossils are, in a way, time capsules that can transport our imagination to unseen shores, lost in the sea of eons that preceded us." - Riccardo Levi-Setti

Archaeopteryx-RekonstruktionDer Urvogel Archaeopteryx (rechts eine Rekonstruktion von Spindler, 2005) gehört ganz ohne Zweifel zu den weltweit bekanntesten und populärsten Fossilien. Lange Zeit galt er als evolutionäres Bindeglied zwischen den Reptilien und den Vögeln. Er stellt eine der selten zu findenden Übergangsformen dar, nach denen man immer gesucht hatte und weiterhin sucht (Missing Link). Aus diesem Grunde findet man ihn bis heute in nahezu jedem Schulbuch zum Biologieunterricht. Inzwischen werden die Reptilien jedoch nicht mehr als natürliche Verwandschaftsgruppe des Urvogels betrachtet, da man herausgefunden hat, daß Krokodile den Vögeln näher stehen als beispielsweise den Eidechsen und Schlangen [Die Ordnung der Krokodile umfasst zusammen mit den Vögeln die letzten Überlebenden der Archosaurier („Herrscherreptilien“), zu denen außer diesen noch die ausgestorbenen Pterosaurier und Dinosaurier gehörten].

Nicht zuletzt durch neue Funde gefiederter zweibeiniger Raubdinosaurier aus der Gruppe der Theropoden hat Archaeopteryx - von seinen Fans liebevoll "Archie" genannt - einen anderen Stellenwert bekommen. Ähnlichkeiten im Skelettbau weisen darauf hin, daß er zu den theropoden Dinosauriern zu zählen ist, von denen alle heutigen Vögel abstammen. An der Tatsache, daß es sich bei Archaeopteryx um eine Übergangsform handelt, hat sich dadurch natürlich nichts geändert. Er ist der fossile Beweis für Makroevolution und damit ein brennender Stachel im Fleisch vieler Kreationisten!

Die Geschichte dieses faszinierenden Fossils begann mit einer einzelnen Feder, die 1860 im Gemeindesteinbruch von Solnhofen entdeckt wurde und seinerzeit eine Sensation darstellte, wurde mit ihr doch zum ersten Mal ein fossiler Vogel aus dem Jura nachgewiesen. Ein berufener Paläontologe, Hermann von Meyer, der ehemals Direktor der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft gewesen war, beschrieb den Fund im Jahr 1861 und verlieh dem ursprünglichen Träger der Feder, den man selbst noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, den klingenden Namen Archaeopteryx lithographica - die Urfeder aus dem lithographischen Kalk.

Londoner ExemplarEs dauerte nicht lange bis das bis dahin nur phantomhaft existente Wesen aus dem Plattenkalk mehr Gestalt annahm. Bereits 1861, nur ein Jahr nach dem Fund der isolierten Feder, wurde das erste eigentliche Skelett eines Urvogels gefunden. Das Exemplar stammt von der Langenaltheimer Haardt, ebenfalls bei Solnhofen. Die Sensation war seinerzeit umso größer, als das Fossil augenscheinlich nicht nur Federn eines Vogels, sondern auch einen langen, knöchernen Schwanz und Krallen an den Fingern aufwies. Unglücklicherweise war der Schädel nicht erhalten. Dieses erste Exemplar wurde bald nach London verkauft (ein Faux Pas, den man mit dem zehnten Exemplar unverzeihlicherweise wiederholt hat), wo es bis zum heutigen Tage im Natural History Museum zu finden ist und sich wiederholt den Untersuchungen skeptischer Wissenschaftler unterziehen musste, die seine Authentizität immer wieder anzweifelten. Es war vielen Leuten suspekt, denn es schien die gerade einmal zwei Jahre vorher von Darwin und Wallace begründete Evolutionstheorie zu untermauern.

Berliner ExemplarDer zweite Archaeopteryx wurde zwischen 1874 und 1876 - das genaue Funddatum ist nicht bekannt - auf dem Blumenberg bei Eichstätt gefunden. Dieses im Verhältnis zum ersten Skelettfund deutlich vollständigere Fossil hatte auch noch seinen Schädel, der wie der Rest des Skeletts sowohl Vogel- als auch Reptilienmerkale aufwies. Die Kiefer waren bezahnt - ganz im Gegensatz zu den glattrandigen Schnäbeln heutiger Vögel. Im Vergleich zum Londoner Exemplar ist der zweite Urvogel etwas kleiner. 1884 wurde er von Wilhelm Damer beschrieben und von ihm 1897 zu Ehren von Werner von Siemens, der den Ankauf ermöglichte und damit einen weiteren Verlust an zahlungskräftige Interessenten im Ausland verhinderte, auf den Namen Archaeopteryx siemensi getauft (dabei handelt es sich allerdings um ein ungültiges Synonym von lithographica). Das Original stellt heute den größten Schatz des Museums für Naturkunde in Berlin dar, wo es in den Kellern des Instituts auch die Bombennächte und den Kampf um die deutsche Hauptstadt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs unangetastet überstand.

Maxberger ExemplarNach den zwei Archaeopteryx-Funden im neunzehnten Jahrhundert mussten viele Jahrzehnte vergehen, bis 1956 ein drittes Exemplar ans Tageslicht kam. Wie der erste Skelettfund wurde es auf der Langenaltheimer Haardt bei Solnhofen entdeckt. Es zeigte nur wenige neue Einzelheiten. Das Exemplar wurde von seinem Besitzer Eduard Opitsch zunächst an das Museum auf dem Maxberg in Form einer Leihgabe überstellt, im Jahre 1974 aber zurückgefordert und war seither für die wissenschaftliche Bearbeitung nicht mehr zugänglich. Als Opitsch 1991 verstarb, fehlte in seinem Nachlaß jede Spur des wertvollen Fossils und es bleibt bis zum heutigen Tage verschollen. Vermutlich fristet es sein Dasein in irgendeiner Privatsammlung - wo es definitiv nicht hingehört! Auch wenn sich jeder Sammler ein solches Juwel wünscht: Fossilien dieser Güte und Bedeutung sind letztlich Erbe der gesamten Menschheit und sollten allen Interessierten an geeignetem Ort zugänglich gemacht werden.

Haarlemer ExemplarDas vierte Exemplar, das eigentlich schon im Jahre 1855 in Jachenhausen bei Riedenburg entdeckt wurde und damit zeitlich den tatsächlich ersten Fund darstellt, wurde erst 1970 als Archaeopteryx erkannt. Denn für einhundert Jahre hielt man es fälschlicherweise für das Skelett eines Flugsauriers. Die nähere Beschäftigung mit diesem Exemplar führte John Ostrom später zu der Theorie, daß die nächsten Verwandten der Vögel unter den Deinonychosauriern zu suchen seien. "Jurassic Park"-Seher aufgepaßt: Das ist die Dinosauriergruppe zu der auch Velociraptor gehörte! ;-) Ostrom begann seine Untersuchungen an Archaeopteryx mit einer Reise nach Europa im Jahre 1970, bei der er eigentlich Flugsaurier aus den klassischen europäischen Fundstellen, insbesondere den Solnhofener Plattenkalken, untersuchen wollte. Dabei stellte er fest, daß einer der "Flugsaurier" in der Sammlung des naturhistorischen Museum in Haarlem in den Niederlanden in Wirklichkeit ein weiteres, bisher unidentifiziertes Exemplar von Archaeopteryx war. Das vierte Exemplar ist auch heute noch im Teyler-Museum in Haarlem zu bestaunen.

Eichstätter ExemplarDas fünfte Skelett trat 1951 aus den Plattenkalken in Workerszell bei Eichstätt hervor und wurde ebenfalls fehldiagnostiziert. Es dauerte bis zum Jahre 1973 bis Franz Xaver Mayr es als Archaeopteryx identifizierte. Es stellt das bisher kleinste Exemplar dar und läßt insbesondere am Schädel relativ große Übereinstimmungen mit den Schädeln theropoder Dinosaurier erkennen. Dieser Vogel wurde später einer neuen Gattung - Jurapteryx - zugeordnet, stellt aber wahrscheinlich lediglich ein juveniles, sprich: jugendliches Exemplar eines regulären Archaeopteryx dar, was die neue Aufstellung einer Gattung nicht rechtfertigen würde. Man weiß angesichts der geringen Anzahl der Funde einfach zu wenig über Archaeopteryx und sollte daher nicht zu optimistisch neue Spezies aus der Taufe heben. Das Original ist im Jura-Museum in Eichstätt gelagert.

Solnhofener ExemplarDer sechste Archaeopteryx, der in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Nähe von Eichstätt entdeckt wurde, teilte das beschämende Schicksal seiner beiden Vorgänger und wurde erst im Jahr 1988 von Peter Wellnhofer als Archaeopteryx lithographica identifiziert. Er stellt das bisher größte Urvogel-Fossil dar und wurde 2001 aufgrund der deutlich geringeren Schwanzlänge sowie einiger Unterschiede im Bau des Beckens und der Füße nicht nur zu einer neuen Art, sondern gleich zu einer neuen Gattung gestellt: Wellnhoferia grandis. Die Gültigkeit dieser Aufstellung war und ist aber immer noch umstritten. Auch hier gilt das im vorausgegangenen Absatz gesagte. Das Original des sechsten Urvogels befindet sich heute im Bürgermeister-Müller-Museum in Solnhofen.

Muenchener ExemplarDer siebte Fund wurde 1992 wiederum auf der Langenaltheimer Haardt bei Solnhofen in den Steinbrüchen des Solnhofener Aktien-Vereins gefunden. Dieses Fossil ließ erstmals Details des Gaumenapparates erkennen sowie die sogenannten Interdentalplatten, die ein typisches Merkmal theropoder Dinosaurier darstellen. Auch dieses Exemplar wurde von Peter Wellnhofer beschrieben und diente als Holotypus der neuen Art Archaeopteryx bavarica. Allerdings ist die Gültigkeit dieser Art aufgrund neuerer Erkenntnisse heute wieder fraglich. Déjà-vu, Déjà-vu! Das Original-Fossil befindet sich heute in der Bayerischen Staatssammlung in München.

verschollenes ExemplarÜber das achte Exemplar ist leider nur sehr wenig bekannt. Es wurde angeblich in Workerszell bei Eichstätt geborgen und besteht aus bis heute offiziell noch unbeschriebenen fragmentarischen Resten, von denen lediglich ein Abguß aus dem Jahr 1997 vorliegt. Sowohl jetziger Besitzer als auch aktueller Aufbewahrungsort sind unbekannt, es befindet sich demnach wahrscheinlich in Privatbesitz, gerüchteweise im europäischen Ausland. Auch wenn es sich hier nur um Fragmente handelt, hat dieses Fossil in einer Privatsammlung eigentlich nichts zu suchen. In Anbetracht von insgesamt nur zehn Exemplaren des Urvogels, von denen nur einige mehr oder weniger vollständig sind, ist jedes Fragment von wissenschaftlicher Bedeutung.

Ottmann-Steil ExemplarEbenfalls in Privatbesitz, namentlich der Familien Ottman & Steil, derzeit aber im Bürgermeister-Müller-Museum in Solnhofen als Leihgabe ausgestellt, ist das neunte Exemplar, daß im "Alten Steinberg" zwischen Langenaltheimer Haardt und Solnhofen entdeckt wurde und lediglich aus einem isolierten, unvollständigen Flügel besteht. Es wurde 2005 von Peter Wellnhofer und Martin Röper beschrieben.


Das zehnte Exemplar wurde im Dezember 2005 von Mitarbeitern des Forschungsinstituts Senckenberg beschrieben. Für die Wissenschaft ist es von großer Bedeutung, denn es zeigt bislang unbekannte anatomische Details, die eine Abstammung der Vögel von den theropoden Dinosauriern weiter untermauern. Hierzu zählen insbesondere vier gemachte Beobachtungen, die wir im Anschluß an diese Aufnahmen, die wir selbst am 29. Juli 2006 vom Original im Naturmuseum Senckenberg gemacht haben, weiter unten verdeutlichen. Die nachfolgenden Thumbnails können angeklickt werden, um ein größeres Bild in einem separaten Browserfenster zu öffnen:

Bild 1 Bild 2 Bild 3 Bild 4 Bild 5 Bild 6 Bild 7 Bild 8

Gaumenknochen1. Der Schädel des zehnten Archaeopteryx ist außergewöhnlich gut erhalten (siehe Aufnahme 4 oben) und erstmals von oben zu sehen, wobei sich die Gaumenknochen offensichtlich noch in ihrer ursprünglichen natürlichen Lage befinden. Einer dieser Knochen, das sogenannte "Palatinum", weist einen zusätzlichen vierten Fortsatz auf, der auch bei anderen theropoden Dinosauriern zu finden ist, heutigen Vögeln aber fehlt. Diese Beobachtung stützt die verwandtschaftliche Beziehung zwischen Archaeopteryx und den Deinonychosauriern.
zweite Zehe2. Die zweite Zehe weist an der Gelenkfläche des Grundglieds eine Wölbung nach oben auf. Dadurch konnte die Zehe nach oben gestreckt werden, was ebenfalls kennzeichnend für die theropoden Deinonychosaurier ist, die an dieser Stelle eine stark vergrößerte, sichelförmige Kralle aufweisen. (Um noch einmal auf "Jurassic Park" zurückzukommen: Sam Neill jagt ganz am Anfang des Films einem respektlosen Jungen mit einer solchen Kralle gehörige Angst ein! ;-))
Fußwurzelknochen3. Der Fußwurzelknochen weist einen Fortsatz auf, der eine wichtige Rolle in der Beurteilung der Verwandschaftsbeziehungen von Archaopteryx spielt und in dieser Ausbildung charakteristisch für andere theropode Dinosaurier ist. Bei rezenten Vögeln ist dieser Fortsatz stark reduziert. Ein weiteres Indiz für die direkten Beziehungen zwischen Archaeopteryx und den Deinonychosauriern.
erste Zehe4. Die erste Zehe des noch bis Ende 2006 im Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt am Main im Original zu bestaunennden zehnten Exemplars ist im Unterschied zur ersten Zehe rezenter Vögel nicht vollständig nach hinten gedreht. Damit muß den Urvögeln, nach Ansicht der Senckenberg-Mitarbeiter, selbst das letzte "Vogelmerkmal" abgesprochen werden, nachdem Federn und ein Gabelbein auch bei verschiedenen Deinonychosaurieren nachgewiesen werden konnten.

Wie bereits erwähnt wurde dieses so wichtige Exemplar, das zudem so wunderbar erhalten ist, für teures Geld ins Ausland verkauft. Es teilt damit das Schicksal des Londoner Exemplars und wird im Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis in den USA seinen Platz finden. Es ist beschämend, daß es nicht gelungen ist, ein derart einzigartiges Fossil in Deutschland zu halten. Wer die Chance hat, sollte sich das Original im Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt noch anschauen, wo es bis Dezember 2006 gut gesichert hinter Panzerglas zu sehen ist. Die USA sind weit!

Letzte Aktualisierung: Samstag, 30.01.2010 16:24

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